EINFÜHRUNG: DAS GEHEIMNIS LIEGT NICHT IM CHARISMA
Führung ist kein Naturtalent, sondern eine täglich bewusst gelebte Praxis. Wer glaubt, allein mit Erfahrung oder Intuition dauerhaft führen zu können, stößt früher oder später an Grenzen. Denn moderne Führung erfordert Haltung. Und sie braucht Struktur, Reflexion und die Fähigkeit, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen.
ERFOLGREICHE FÜHRUNG BEGINNT MIT SELBSTREFLEXION
Viele Führungskräfte sind fachlich exzellent – doch Führung ist kein Fachkompetenz, sondern ein Sozialkompetenz. Erfolgreiche Führungskräfte beginnen bei sich: Sie hinterfragen ihr Denken, ihr Verhalten und ihre Wirkung. Sie verstehen: Wer andere führen will, muss sich selbst führen können. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion – wissenschaftlich vielfach belegt – ist ein Schlüsselfaktor für Führungserfolg (vgl. De Haan et al., 2013; Amberger, 2014).
Reflektierte Führung bedeutet auch, sich von alten Mustern zu verabschieden. Was gestern wirksam war, kann heute limitieren. Die Bereitschaft zur inneren Bewegung geht dabei der äußeren Veränderung voraus.
WENN SYSTEME ZU ENGEN SCHABLONEN WERDEN
In einem meiner Coaching-Prozesse habe ich Peter kennengelernt. Peter ist ein erfahrener Meister in einem produzierenden Unternehmen – über 30 Jahre im Betrieb. Hoch angesehen, mit klaren Regeln, hohem Anspruch und loyalem Team. Seine Führung war direkt, konsequent und strukturiert. Er arbeitete häufig operativ mit, sprang ein, wo es notwendig war, gab klare Vorgaben und lebte Verbindlichkeit. Jahrzehntelang war er damit einer der erfolgreichsten im ganzen Betrieb.
Doch die Welt hat sich verändert. Schnellere Innovationszyklen, wechselnde Kundenanforderungen, neue Generationen von Mitarbeitern. Auf einmal greifen die alten Führungsmechanismen nicht mehr. Das Team reagiert zögerlicher auf das, was Peter sagt. Sie merken, dass die guten „alten“ Standards zu rasch veralten. Änderungen greifen zu schnell, als dass sie Peter fein säuberlich kommunizieren kann. Auch Peter merkt, dass er zunehmend in Stress gerät, wenn er versucht, Lösungen „vorzudenken“. Es muss sich etwas ändern.

Der Meister steht unter Druck. Seine bisherigen Strategien funktionieren nicht mehr. Zunächst reagiert er mit Rückzug – innerlich wie äußerlich. Im Coaching formuliert er Sätze wie: „Ich habe doch die Erfahrung“ und „Das hat doch immer funktioniert.“ Es dauert, bis er erkennt, dass nicht sein Wissen das Problem ist – sondern die Art, wie Führung im dynamischen Umfeld wirken muss. Was früher Halt gegeben hat, wird jetzt zum Engpass.
Im Coaching-Prozess entsteht langsam ein Perspektivwechsel. Durch gezielte Fragen und systemische Betrachtung erkennt er, dass er nicht weniger gebraucht wird – sondern anders. Dass er mehr für sein Team da sein kann, wenn er nicht immer verfügbar ist. Dass gute Führung bedeutet, Abstand von sich selbst zu nehmen und sich zu fragen: „Was brauchen die anderen, um hervorragende Arbeit leisten zu können?“

Dabei entwickelt sich auch seine Haltung zu Fehlern: Weg von einer Fehlerkultur, die Defizite ins Zentrum stellt – hin zu einer Lernkultur, die Abweichungen als Chance nutzt, beim nächsten Mal besser zu werden. Diese Sichtweise verändert nicht nur ihn – sondern das ganze Team.
Früher war er der unverzichtbare Mittelpunkt. Ohne ihn: Stillstand. Heute erkennt er: Wenn alles an ihm hängt, ist das kein Zeichen von Stärke – sondern ein Systemproblem. Er beginnt, Verantwortung bewusst abzugeben. Aufgaben zu verteilen. Standards gemeinsam zu entwickeln – wissend, dass sie sich ohnehin bald wieder verändern werden.
FÜHRUNG BRAUCHT SYSTEMKLARHEIT – UND FLEXIBILITÄT
Wirksame Führung bedeutet, das System mitzugestalten: Rollen klären, Verantwortungsräume definieren, Routinen bewusst setzen – aber auch loslassen. Führung ist nicht die Summe einzelner Entscheidungen, sondern die Kunst, das Ganze zu denken.

Dazu gehört, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen:
- Transparente Kommunikation: Wo stehen wir? Was ist das Ziel?
- Partizipative Strukturen: Wer bringt welche Perspektive ein?
- Reflexionsräume: Was lernen wir aus Abweichungen?
- Anpassbare Standards: Was gilt – und was darf sich ändern?
All das schafft nicht nur Orientierung, sondern auch Vertrauen. Und Vertrauen ist die Basis für Leistung in komplexen Systemen (vgl. Edmondson, 2019).
VOM FEUERWEHRMODUS ZUR STRATEGISCHEN WIRKSAMKEIT
Viele Führungskräfte sind im Reaktionsmodus gefangen – „Feuer löschen“ statt „Strukturen gestalten“. Erfolgreiche Führung heißt: den Blick heben. Aus der Vogelperspektive betrachten, welche Hebel wirklich zählen.
Konkrete Ansatzpunkte:
- Rollen überprüfen: Wo bin ich Fachkraft, wo Führungskraft?
- Delegation stärken: Welche Entscheidungen gehören (nicht) auf meinen Tisch?
- Feedback etablieren: Wie wird Lernen im Alltag möglich?
- Zukunft mitdenken: Welche Kompetenzen braucht mein Team in 2 Jahren?

FÜHRUNGSKULTUR ENTSTEHT DURCH KONSEQUENZ – NICHT DURCH PROGRAMME
Führung ist Kulturarbeit. Nicht das, was im Leitbild steht, zählt – sondern das, was täglich gelebt wird. Wer eine lernende Organisation will, muss zuerst sich selbst als lernende Führungskraft verstehen.
Dazu braucht es:
- Konsequenz in der Haltung
- Konsistenz im Verhalten
- Klarheit in der Kommunikation
Coaching und Organisationsentwicklung können diesen Wandel gezielt begleiten. Studien zeigen, dass reflektierende Dialoge und strukturelle Entwicklung zusammen deutlich wirksamer sind als isolierte Maßnahmen (Bozer & Jones, 2018).
FAZIT: SYSTEMKOMPETENZ IST FÜHRUNGSKOMPETENZ
Was erfolgreiche Führungskräfte anders machen? Sie verlassen den Mythos der Heldenführung. Stattdessen denken sie in Dynamiken, gestalten Lernräume, schaffen Klarheit und handeln aus Reflexion. Sie haben verstanden: Es ist nicht ihr Job, jede Antwort zu kennen. Sondern dafür zu sorgen, dass die richtigen Fragen gestellt werden.
Denn erfolgreiche Führung ist kein Zufall – sie ist gestaltbar. Systematisch. Selbstbewusst. Und jeden Tag neu.
Deine Ines
Quellen:
- Amberger, B. (2014). Erfolgsfaktoren im Coaching. Coaching-Magazin.
- De Haan, E. et al. (2013). Executive coaching outcome research. Consulting Psychology Journal.
- Edmondson, A. (2019). The Fearless Organization: Creating Psychological Safety in the Workplace.
- Bozer, G. & Jones, R. (2018). Understanding the factors that determine workplace coaching effectiveness. European Journal of Work and Organizational Psychology.